Renaissance Bau in Westenbrügge

Wie lässt sich der Renaissance Vorgängerbau belegen?

Im untersten Geschoss finden sich mindestens vier Stürze von Kellerfenstern.

Die Fensternische aus dem Barockbau wurde hier nur halbhoch ausgeführt, auf der Westseite fehlt sie ganz, um vorhandenes dickes Mauerwerk einzubeziehen. Die Nischen wurden sonst überall symmetrisch und gleichartig angelegt.


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Links ein weiterer alter Kellersturz.

Über der Höhe der Kellerfenster befinden sich an den gegenüber liegenden Wänden zugemauerte Balkenlöcher von einer höheren Geschossdecke vor 1695.

Auch im Geschoss darüber finden sich Stürze, die höher hinaufreichen , z.B. von einem über den Burggraben hinausragenden Abort und einem Fenster, dass nicht zur Symmetrie des Barockbaus passt und mit alten Steinen zugemauert ist.


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Rechts Stürze und alte Fenster- aussparung im Obergeschoss.

Unten durch die Mitte des hinteren Drittels zieht sich eine weitere 60cm Innenwand in Nord Süd Richtung. In dieser Wand, aus mittelalterlichen Steinen in Renaissanceverbund vermauert, findet sich eine alte zugemauerte Rundbogentür, die auf Höhe über dem vormaligen Kellergeschoss aufsetzt.

Links 60 cm Türzarge und höher liegende Rundbogenaussparung einer alten Tür. Grosse Ziegel.

Die Wand daneben ist russgeschwärzt, auch über den zugemauerten Flächen, was auf eine Feuerstelle und Küche nach 1695 in diesem Raum hinweist.

Grosse Eisenteile in der heutigen Decke weisen auf eine Rauchglocke hin. Der Pavillon wurde erst 1850 als Küche für den Gutsbetrieb in den bis dahin bestehenden Burggraben gesetzt.


Warum wurde das alte Haus nach 80-100 Jahren bereits abgerissen?

Immerhin war es mit solchen Wänden nicht gerade ein Fertighaus. Warum liess man dann Teile des hinteren Drittels stehen, um einen Neubau darauf zu setzen?

Möglicherweise wurde das Abreissen zum guten Teil bereits auf die rabiate Weise im 30-jährigen Krieg besorgt, der 50 Jahre vorher zuende gegangen war. Den neuen Feuerwaffen waren auch grosse Burgen nicht mehr gewachsen.

Westenbrügge lag direkt am wichtigsten Überlandverkehrsweg zwischen Wismar und Rostock und die marodierenden Heerzüge machten zu der Zeit rechts und links vom Wegesrand alles noch gründlicher platt, als General Shermans Anaconda 230 Jahre später in den amerikanischen Südstaaten.

Die Generäle Gallas (Kaiser/Spanien) und Baner (Schweden) rangen nach 1635 verzweifelt in Mecklenburg ohne klares Ergebnis. Nachschub war noch ein Fremdword, unter Abholprinzip verstand man etwas völlig anderes. Die Heerzüge des 30-jährigen Krieges lebten aus dem Land. Für die Nachfolger gab es nichts mehr zu beissen, wenn man die landwirtschaftlichen Betriebe gründlich ruinierte.


Wer baute dieses Vorgänger Haus und bewohnte es?

Die Familie von Bibow, seit über 300 Jahren ansässig in Westenbrügge, baute und bewohnte diesen Vorgängerbau. Wie viele andere im 30-jährigen Krieg ging sie in Konkurs und verlor Westenbrügge, möglicherweise auch, weil das Anlagevermögen zum grossen Teil zerstört wurde.

Landwirtschaft ist noch heute ein Geschäft mit einer scheusslichen Bilanzstruktur, wo relativ viel Kapital bindendes Anlagevermögen einem vergleichsweise geringen Umsatz in der Gewinn- und Verlust- rechnung gegenübersteht; Umsatz, der noch dazu schwankt und unbeeinflussbaren Faktoren, wie Wetter unterliegt.

Auch an Arbeitskräften gab es zum Teil nach dem Krieg nur noch 10% in einigen Gegenden und selbst Dekaden später war man nicht annähernd wieder auf dem Vorkriegsbestand.

Die Familie von Bibow erlitt zu dieser Zeit auf allen ihren Gütern ausser Blengow einen bleibenden Niedergang. Grund war vielleicht auch, dass sie seit Generationen sehr viele hohe Offiziere der dänischen Streitkräfte stellten. Möglicherweise waren sie einfach keine krisensicheren Landwirte mehr und schleppten viele Repräsentations- gemeinkosten mit, die zu so einer Karriere gehören.

Im 30-jährigen Krieg erwuchs Schweden zur Grossmacht und setzte sich in Mecklenburg fest, sodass die besseren dänisch-norwegischen Planstellen komplett zusammen gestrichen wurden.

Andere in der Nachbarschaft, wie die von Oertzen, kamen besser durch, und tauchen zur Konkurszeit, nachdem sie Roggow gerade wieder aufgebaut hatten, als Gläubiger in Westenbrügge auf, wohl auch, weil die Gerdshagener Oertzens die Schwiegereltern des bankrotten Westenbrügger Ehepaars von Bibow waren.


Wie müssen wir uns das Bibowsche Haus vorstellen?

Wer an dem hochherrschaftlichen Herrenhaus der Bobziens in Rankendorf in NWM sich ein bisschen rechts in die Büsche schlägt, der kann ein gutes Beispiel sehen.

Altes Herrenhaus in Rankendorf.

Man findet dort das alte, feste Herrenhaus, das wohl noch die Lüneburger von Müllers übernahmen, knapp 20 Jahre bevor sie auch in Westenbrügge ansässig wurden. Nach diesem Gut hiessen sie von Müller Rankendorf.

Von dem Wassergraben um das Haus ist noch heute ein guter Rest als Teich vorhanden. Es gibt ein hohes Kellergeschoss, auch das nächste Geschoss hat noch kleine wehrhafte Fenster. Der Mauerverbund ist der gleiche, wie hinten in Westenbrügge.

Die Wassergräben um feste Häuser herum hatten übrigens nicht den Sinn, unfreundlichem Besuch nasse Füsse und eine Blasenentzündung anzuhängen, sondern das Untergraben der Fundamente zu verhindern.

Herrenhaus von Wensin.

Da die Burginsel in Westenbrügge fast quadratisch ist und wegen der dicken Innenquerwand dort, ist auch ein Doppelgiebelbau denkbar, wie man ihn in Schleswig Holstein häufig findet. Das abgebildete Beispiel ist Wensin am Wardersee.

Ein seltenes und spätes Mecklenburger Beispiel für so ein Renaissance Doppelhaus mit zwei parallel verlaufenden Satteldächern ist der 1635 erbaute Mittelteil von Schloss Boldevitz auf Rügen.

Bismarck sagte, in Mecklenburg kommt alles 100 Jahre später. In Schleswig-Holstein hatte Renaissance Mensch Heinrich Rantzau im vorigen Jahrhundert an die 50 von solchen befestigten Häusern hingestellt.

In der Türfüllung sind noch die aneinander stossenden LängsWände erkennbar.

Möglicherweise gab es ähnlich viele in Mecklenburg, aber sie sind nicht erhalten. Schleswig Holstein lag im 30-jährigen Krieg etwas abseits, das absteigende Dänemark war dort noch gut vertreten und die erstarkende Siegermacht Schweden wählte Mecklenburg als direktes Einfallstor nach Deutschland, wodurch das Land sehr verwüstet wurde.

Westenbrügge war zu den Zeiten ein riesenhafter Besitz, der noch eine Vielzahl heute als eigenständig bekannter Güter einschloss. Es lag an einer Hauptverkehrsader und war sicherlich bis zum 30-jährigen Krieg reicher als Rankendorf. Es wird ein entsprechendes Haus besessen haben.

Erst Ende 1700 wurde es von spekulierenden Ratsherren und Rechtsverdrehern aus den nahen Städten auf die Grösse gestutzt, in der es an die Müllers überging.


Denkmalschützer Baumgart haben wir übrigens in weiten Teilen die obige Bau-Analyse und das Auffinden der Balkenlage zu verdanken.

Er berichtete wie folgt:

 

Begehung des Gutshauses Westenbrügge am 10.9.2006

Farbgebungs- und bauhistorische Befunde
...
Im Erdgeschoss hinten rechts befinden sich zwei Räume (Raum 06/07) mit freiliegenden Wänden. Das Ziegelmauerwerk ist sichtbar. Es sind gemauerte Korbbögen von ehemaligen jetzt zugemauerten Fensteröffnungen vorhanden. (Kellergeschoss)

Im Raum 06 befindet sich auf der Westwand eine ehemalige Türöffnung mit Rundbogen. Im Scheitel ist noch ein Putz erkennbar. Auch diese Tür ist zugemauert. Das zugehörige Mauerwerk ist als Blockverband ausgeführt. Im Raum 06 sind mittelalterliche Ziegel zweitverwendet. Im Raum 07 wurden kleinere und jüngere Formate vermauert.

Auf der Süd- und Nordwand beider Räume befinden sich mit Ziegeln und Lehmmörtel zugemauerte Balkenlöcher. Damit ist zu genannten Öffnungen die Geschossdecke lokalisiert. Beide Räume sind von einer Fachwerkwand getrennt. (Bestand vermutlich 1995-97).

Das Gebäude scheint demnach ein höheres Sockelgeschoss besessen zuhaben, jedenfalls wenn man vom heutigen Gebäudeniveau ausgeht. Im Raum 04 befindet sich ein mit Ziegeln gemauerter Brunnenschacht. Dieser dürfte jedenfalls zum Vorgängerbau gehören, da Brunnen in Kellern durchaus üblich waren.

Eine zeitliche Einordnung gestaltet sich schwierig. Die Umbauten bei denen die Geschosshöhen verändert und (neue) Innenwände in Fachwerk eingezogen wurden, datieren laut dendrologischer Untersuchung auf 1695-1697. Es handelt sich um keine mittelalterliche Bausubstanz. Es scheint eine Bauphase gegen Ende des 16. Jh. bis Anfang des 17. Jh. zu sein.

Im Raum 08 befindet sich auf der West- und Südwand eine Russschwärzung. Diese befindet sich beidseitig der vormaligen Geschosshöhe, muss also dem Umbau 1695-1697 zuzuordnen sein. Vermutlich befand sich hier eine Herdstelle, also die Küche. Spuren einer Rauchglocke sind nicht vorhanden. Allerdings berichtet der Eigentümer von einem grossen Eisen in einer Wand an dem evtl. Konstruktionsteile der Rauchglocke angelanscht waren.

Andreas Baumgart



Eisenträger in der Decke.                       Innenliegender Brunnen.

 

An der Nordwestecke sitzt die Zelle in der 80cm dicken Rückwand. Möglicherweise war sie im Barockbau bereits ein Abort, denn die Chronik berichtet 1725 von rauhen Sitten:

"Die Baronesse, verwitwete Müller von der Lühne, erhält um die Ordnung wieder herzustellen, das Recht zwei Unterthanen zu verprügeln."